Auch ein Farbmensch muss mal raus

Auch ein Farbmensch muss mal raus.

Wenn es meine Zeit gerade mal wieder zulässt, schnappe ich mir gerne ein Paar bequeme Schuhe und drehe eine Runde durch den Wald. Häufig ist es die gleiche Strecke. Von der Haustür durch den Zerzabelshofer- und Laufamholzer-Forst. 12,8 km und keine 2 Stunden Zeitaufwand. Ich hab es nachgemessen.

Gestern, am späten Nachmittag war es mal wieder soweit. Ich ging schon eine ganze Weile auf dem Brunner Weg, als mir ein älterer Herr begegnete. Er war ebenso wie ich einfach nur zu Fuß unterwegs, was er auch verwundert kommentierte. Er fand es erstaunlich doch noch jemanden im Wald anzutreffen, der ohne Hund, ohne Fahrrad und nichtjoggend unterwegs war. Das machen nicht mehr viele. Das ist mir auch schon aufgefallen.

Allerdings: Während er einfach nur als das was er ist, ein spazierender freundlicher Senior, wahrgenommen wird habe ich den Eindruck, mich in irgendeiner Weise verdächtig zu machen. So zumindest schaut man mich an oder oft auch verschämt weg. Rasierter Schädel, Bart am Kinn. Allein unterwegs. Kein Hund, keine Sportgeräte, keine Motorsäge dabei? Was will der hier?

Das bilde ich mir nicht nur ein. Denn sobald ich mit meiner Freundin durch denselben Wald streife – ohne Hund, ohne trendy Sporttextil…na Sie wissen schon – begegnen uns die Leute viel entspannter. Dann scheint es in Ordnung zu sein, einfach nur so durchs Gehölz zu streifen.

Es macht den Anschein als könne man sich nicht mehr vorstellen, dass jemand unterwegs ist, nur um sich die Füße zu vertreten oder nach frischer Luft zu schnappen. Ohne sportlichen Ehrgeiz oder des Hundes wegen. Einfach einen Schritt nach dem anderen, die Gedanken sortierend oder an „nichts“ denkend. Meditation im Gehen sozusagen. Kennen Sie dieses Gefühl? Plötzlich stehen Sie am Ziel und fragen sich: Was ist in der letzten Stunde eigentlich passiert? Egal! Der Kopf ist frei.

Heute muss ja offensichtlich selbst aus der profansten und ursprünglichsten Art der Fortbewegung, die die Evolution für uns vorgesehen hat, nämlich einen Fuß vor den anderen zu setzen, ein riesen Event gemacht werden. Trekking, Hiking, Walking (wenn nötig auch Nordic), Jogging, Trailrunning…Gähn! Man fragt sich also zwangsläufig: Wie haben unsere Vorfahren – ohne pronationsgestützte Schuhe und ziemlich unstylisch in grobes Leinen gehüllt  – ihr tägliches Bewegungspensum von etwa 20 km bewältigt?

Mich jedenfalls werden Sie weiterhin auf den Wegen des Lorenzer Reichswaldes antreffen. Bei jedem Wetter und zu fast jeder Tageszeit. Allein oder mit Freundin, aber ganz sicher ohne Hund.

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